Interview mit Daniel Stelter “Corona hat eine kranke Wirtschaft getroffen” – Teil 1

Für ein Interview zu den Folgen der Corona Krise für unsere Wirtschaft konnte ich im Oktober 2020 Dr. Daniel Stelter gewinnen. Er zählt zu den bekanntesten Ökonomen und Strategieberatern des Landes und ist Autor des Buchs “Coronomics: Nach dem Corona-Schock Neustart aus der Krise”.

In diesem Beitrag findest du die wichtigsten Punkte des Wirtschaftsexperten aus unserem Interview im Überblick. Wenn du an weiteren Informationen und Analysen interessiert bist, solltest du außerdem einen Blick in unser Forum für Privatkredite werfen. 

Dort kannst du dich mit anderen Anlegern zu diesen und weiteren Finanzthemen austauschen. Auf diese Weise findest du topaktuelle News und die besten Tipps und Tricks für dein Investment. 

Bewertung der Lage nach dem Corona-Schock

Seit der Veröffentlichung Ihres Buches “Coronomics”, in dem Sie verschiedene Vorhersagen gemacht haben, sind nun einige Monate vergangen. Wie bewerten Sie die Lage aktuell?

Dr. Stelter: Einige der Dinge, die ich vorhergesagt habe, sind tatsächlich eingetreten – allerdings mit noch höherem Tempo, als ich es vorausgesagt habe. Insbesondere, wenn ich an Europa und die aktuelle Bereitschaft zu einer Transfer- und Schuldenunion denke, zeigt sich, dass diese Entwicklungen noch schneller eingetreten sind, als ich das erwartet habe. 

Auch eine Intervention der Notenbanken habe ich prophezeit, allerdings nicht in der radikalen Form, wie diese letztlich eintrat. Insofern kamen diese Punkte insgesamt so wie von mir vorausgesagt – nur noch stärker. 

Was tatsächlich besser verlief als ich dachte war die Geschwindigkeit, mit der sich die Wirtschaft vom ersten Schock erholt hat. Hier war ich deutlich skeptischer und bin von einem tiefen Einbruch mit einer anschließenden, langsamen Erholung ausgegangen. 

Aktuell sieht es hingegen nach einem tiefen Einbruch und einer schnelleren Rückkehr aus. Allerdings spricht mittlerweile auch wieder einiges für die Theorie der langsamen Erholung: Eine zweite Welle könnte unter Umständen auf uns zukommen und wir sehen, dass der erste Schock doch sehr tief sitzt. 

Der Staat hat zwar Geld in die Taschen seiner Bürger gebracht, aber ob dieses auch ausgegeben wird? Ich denke da sind wir aktuell noch mitten im Bilanz-ziehen und werden die Effekte für die Wirtschaft erst noch abwarten müssen. 

Aktuell erleben wir die Mehrwertsteuersenkung als umstrittenes Instrument gegen die Krise. Welche volkswirtschaftlichen Eingriffe könnten jetzt noch sinnvoll sein?

Dr. Stelter: Auch bei der Mehrwertsteuersenkung war ich in meinem Buch skeptisch, bin in meiner Meinung hierzu zwischenzeitlich aber etwas ins Schwanken gekommen. Eine Steuersenkung kann bei großen Anschaffungen eine wichtige Rolle spielen, zum Beispiel, wenn es um den Kauf eines Autos oder Baumaßnahmen geht.

Von solchen Fällen einmal abgesehen ist eine Steuersenkung aber nicht das richtige Instrument. Befristete Konsumgutscheine wären für die Bundesbürger besser und zweifellos nachfragewirksam gewesen. Durch Kurzarbeit und andere Maßnahmen ist der Konsum aber dennoch weitgehend stabilisiert worden. 

Was mir Sorge macht, ist die Art, wie wir Unternehmen geholfen haben: Als Selbstständiger, der auch weiterhin seine Miete und Co. zahlen muss, hätte man wahrscheinlich nicht genug erhalten. Damit haben wir persönliches Unternehmertum in dieser Krise durchaus benachteiligt. 

Ein anderes Thema sind die Kredite, die Unternehmer in der Krise aufgenommen haben. Sie werden in der nächsten Zeit mit dem Zurückzahlen beschäftigt sein und keine Mittel für Investitionen, Innovation oder ein besseres Bezahlen der Mitarbeiter übrig haben. 

Das halte ich für großen Fehler, denn wir dürfen nicht vergessen, dass diese Krise nicht – wie zum Beispiel die Finanzkrise – die Schuld der Wirtschaft ist. Es handelte sich um einen externen Schock, dessen Lasten nun recht ungleichmäßig verteilt werden!

Welche Auswirkungen hat das ganze kurz- und mittelfristig auf Privatanleger?

Dr. Stelter: Dass die Börsen schon im März wieder so stark nach oben gehen, hätte ich damals nicht erwartet. Typisch Ökonom kann ich es aber im Nachhinein erklären: Wir haben die Märkte einfach mit hoher Liquidität versorgt. 

Das Coronavirus hat aber eine kranke Wirtschaft getroffen. Schon seit der Finanzkrise hatten wir nur schlechte Wachstumsraten. Auch in Deutschland blieben wir unter dem “Trendwachstum”, dass wir vor der Finanzkrise vorweisen konnten. 

Zur gleichen Zeit hatten wir eine extrem aggressive Politik der Notenbanken, die zwar die Realmärkte nicht wirklich erreichten, aber auf die Finanzmärkte große Auswirkungen hatten. Dies führte zu einer richtig gehenden “Schuldenorgie”. 

So hatten wir vor allem in den USA zum Beispiel etliche Unternehmen, die sich Geld geliehen und damit ihre eigenen Aktien zurückgekauft haben. Wir wissen heute, dass Unternehmen die größten Wertpapierkäufer des vergangenen Jahres waren. Das hat den Aktienmarkt deutlich gestützt. 

Gleichzeitig hat dieses Vorgehen aber die jeweiligen Bilanzen deutlich verschlechtert. Schon vor Covid waren fast 50 % der Anleihen nur noch BBB, also gerade noch “Investment-Grade” – und auch damals, vor der Krise, war klar, dass viele Unternehmen schon das eine Überbewertung war. 

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Schon zu diesem Zeitpunkt war die Sorge: Was passiert, wenn diese knapp-BBB-Unternehmen weiter abrutschen? Denn viele Investoren können nicht in Firmen investieren, die kein Investment-Grade besitzen und müssten in diesem Fall ihre Anteile verkaufen.

Die große Sorge ist, dass wir dann einen enormen Angebotsdruck am Anleihen-Markt spüren. Die Folge wären fallende Kurse, steigende Zinsen, Re-Finanzierungsprobleme usw. Diese Probleme standen schon vor Covid im Raum! Ebenso waren die Probleme am US-Amerikanischen Geldmarkt schon im vergangenen Jahr bekannt. 

Die aktuelle Krise und die Corona-Rezension trifft nun Personen mit hohen Schulden sehr stark. Aufgrund dieser großen Sorgen haben die Notenbanken massiv interveniert. Die amerikanische FED kaufte etwa “Junk-Bonds”, was vereinfacht so viel heißt wie: Wir retten jeden, egal, ob er es verdient oder nicht. 

Dies beflügelte den Finanzmarkt, was allerdings nur geringe Auswirkungen auf die Realwirtschaft hat. Wir kaufen damit lediglich Zeit, denn die Unternehmen sind nach wie vor hoch verschuldet, wir haben viele “Zombiefirmen”, die zwar Zinsen zahlen aber nicht investieren können…

Die große Frage ist nun, was passieren wird, wenn diese erkaufte Zeit abgelaufen ist. Meine Prophezeiung ist eine lange Phase des Vermögenserhalts, in der wir keine großen Kapitalgewinne sehen werden. Auch, wenn ich mich irren sollte: wir sehen in jedem Fall schwierigen Zeiten entgegen. 

Könnte ein Markt, in dem die Notenbanken weiterhin Junk-Bonds aufkaufen, auch in den kommenden Jahren noch laufen?

Dr. Stelter: Ja! Wenn die Notenbanken alles kaufen und sagen: “wir verhindern jede Art von Finanzkrise, weil wir Angst haben, dass sich eine solche auf die Realwirtschaft auswirken könnte”, sind wir in einer Welt gefangen, in der wir das Problem zu hoher Schulden nur durch noch höhere Schulden bekämpfen können. 

Das setzt dann voraus, dass die Kreditvergabe-Standards tief und das Geld “billig” bleibt… also die Notenbanken die aktuelle Politik fortsetzen. Neu ist allerdings, dass die Notenbanken nun keine Skrupel mehr haben, Staaten direkt zu finanzieren. 

So hat etwa die Bank of England den Umweg über Privatbanken längst aufgegeben und finanziert das vereinigte Königreich nun ganz direkt. Das muss jedoch keineswegs eine Inflation zur Folge haben – Japan, wo die Notenbank 50 % der Staatsanleihen hält, ist dafür ein gutes Beispiel. 

In der nahen Zukunft haben auch wir das Bekämpfen des Klimawandels vor uns. Gleichzeitig haben wir jedoch den glauben daran, dass die Politik dieses Problem beheben kann, verloren. Die Notenbanken finanzieren dennoch Staaten, die den Klimawandel beheben sollen. 

Dies führt zu vielen Maßnahmen, die eine Entwertung unserer Assets bedeuten: Unsere Fahrzeuge mit Verbrennungsmotoren werden in einigen Jahren genauso verboten werden wie unsere Ölheizungen. Wir werden somit gezwungen, Neuanschaffungen zu tätigen. 

Der Staat wird hierzu die nötigen Mittel zur Verfügung stellen. Gleichzeitig geht aber auch der Anteil der Erwerbstätigen in der Bevölkerung immer weiter zurück. Ich halte daher ein Szenario mit hoher Inflation als Folge für sehr wahrscheinlich.

Erfahre im zweiten Teil unserer Interviews mit Dr. Stelter, wie die Lage für Schwellenländer aussieht, welche Maßnahmen jetzt Helfen würden und wie einer der bekanntesten Ökonomen des Landes jetzt investiert!
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